Welt-Sichten SoSe22 07 Becker

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  • hochgeladen 28. Juni 2022

Prof. Dr. Sabina Becker (Deutsches Seminar, Abteilung Neuere Deutsche Literatur)
Babylon Berlin: Historische Realität oder kultureller Mythos?

Die Rede vom Tanz auf dem Vulkan bestimmt bis heute die Beschreibung der Epoche von Weimar. Diesem Bild des Totentanzes ist der Mythos von Babylon Berlin verbunden, das jüngst mit der gleichnamigen Serie von Tom Tykwer, Achim von Borris und Henk Handloegten aktualisiert wurde. Allerdings wirft gerade diese Filmproduktion die Frage auf, was am Stereotyp des Vulkantanzes am Rande des Abgrunds historische Realität und was Mythos ist.
Ausgangspunkt einer Antwort soll im Vortrag der 1931 veröffentlichte Führer durch das lasterhafte Berlin des Journalisten Curt Moreck sein, der die Berliner Halb- und Unterwelten, aber auch die Zentren des Nachtlebens zeigt: Bars, Varietés und Tanzpaläste, Homosexuellenlokale gleichermaßen wie alternative Lokalitäten, etwa das zum Restaurant umgebaute Schwimmbad, sinnigerweise spezialisiert auf Fisch. Orte der Prostitution und des Verbrechens werden nicht ausgespart, gleichwohl lässt sich von dieser Darstellung ausgehend die Plausibilität des Babylon-Mythos diskutieren und hinterfragen: Waren die 20er Jahre eine auf einem brodelnden Vulkan taumelnde Ära mit einem schillernden Berliner Metropolenrausch, oder haben wir es doch nur mit einer pluralistischen Sphäre in einer Asphaltkultur zu tun, in der Alterität erstmals zur Welt der Moderne gehörte?

Referent/in:

Prof. Dr. Sabina Becker (Deutsches Seminar, Abteilung Neuere Deutsche Literatur)


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